Alles läuft weiter wie bisher

Eine der größten Lügen bei der Übernahme von Firmen ist die Aussage des Vorstandsvorsitzenden »Alles läuft weiter wie bisher«.

Schon in dem Moment, wenn die Pressefrau diesen Satz in ihr Notebook für die Pressemitteilung tippt, hat sich das übernommene Unternehmen vollständig dem neuen Besitzer untergeordnet. Es muss sich auch unterordnen, denn sonst bräuchte es auch nicht gekauft werden. Nur wer sich bedingungslos ergibt, ist es auch wert, geschluckt zu werden.

Die Gründe der Übernahme, die die fleißigen Menschen in den Motiv-Erzeugungsabteilungen generalstabsmäßig produziert haben, lesen sich so: »Ergänzung unseres Portfolios, Synergien in den Forschungsabteilungen, stärke Aufstellung in globalen Märkten, maximale Verflachung der Hierarchien«.

Dies sind Beschwichtigungen, um die Machtdemonstration der Businessprimaten zu kaschieren und vom bevorstehenden Arbeitsplatzabbau abzulenken.

Die Dramaturgie einer Firmenübernahme wird durch einen archaischen Grundtyp der Emotion gesteuert: die Angst. Dieses Schmierfett wird in vier Phasen eingesetzt.

Phase 1 – das freundliche Gespräch auf dem Golfplatz: Vorstand A trifft Vorstand B, man schlendert über das Green, man schlägt einen, zwei Bälle, findet Gemeinsamkeiten »Wir könnten ja vielleicht mal …«. Bei B beginnt die Angst, übervorteilt zu werden.

Phase 2 – die gezielte Streuung von Gerüchten: Die Spindoctors von Vorstand A und Vorstand B machen ihre Arbeit und heizen den Aktienkurs an. Vorstand A und Vorstand B dementieren. Das manager-magazin bekommt es exklusiv. Die Mitarbeiter haben zum ersten Mal Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren.

Phase 3 – die Pseudo-Einbeziehung der vor- und nachgelagerten Hierarchien: Die Aufsichtsräte werden systematisch informiert, Vorstand A macht Vorstand B für die Idee der Übernahme verantwortlich, Vorstand B dementiert. Die Bereichsleiter werden nach ihrer Meinung gefragt, die Antworten ignoriert. Die Führungskräfte haben Angst vor Machtverlust, wahlweise vor vollkommenen Bedeutungsverlust mit Parterre-Büro.

Auch als Variante 3a bekannt – die Pseudo-Einbeziehung der Aktionäre. Auf außerordentlichen Hauptversammlungen werden im Power-Point-Marathon mindestens sechs verschiedene Worstcase- und wahlweise Bestcase-Szenarien durchgepeitscht. Die Aktionäre verstehen nichts, können aber verkaufen, das Angebot ist verlockend. Die Aktionäre haben Angst vor Kapitalverlust, wenn sie den günstigsten Verkaufsaugenblick verpassen.

Phase 4 – die vollkommene Integration: Unternehmen A schluckt Unternehmen B, ein neues Logo wird ent-, die alte Mannschaft abgewickelt. Die Abfindungssummen verschlechtern die Bilanz für nur ein Quartal. Die verbliebenen Mitarbeiter haben Angst davor, als nächstes dran zu sein.
Für Phase 4 gibt es neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die Angst zu eliminieren.

Wir sind Unternehmen B. Leider. Die Chef-Borgs von Unternehmen A haben damit begonnen, einen nach dem anderen zu assimilieren. Um mich herum verwandeln sich stündlich Kollegen in neue Borgs. Das sind diese Gestalten aus Star Trek mit Okularimplantat und ohne eigenen Willen. Wenn sie Borgs sind, haben sie keine Angst mehr. Borgs in den niederen Hierarchien haben keine Gefühle.

Ich weigere mich, wie damals Captain Picard, ein Borg zu werden. Das ist eines der schwierigsten Unterfangen in der Menschheitsgeschichte. Es gelingt nur mit der unbedingten mentalen Stärke, ein Mensch bleiben zu wollen. Die Borgs sind schlau, wenn sie uns assimilieren, sie gaukeln uns Gefühle vor. Schöne Gefühle, damit wir nachgeben. Sie haben uns vorher ganz genau studiert, sie wissen, wo sie den emotionalen Hebel ansetzen müssen.

Jetzt sitze ich im Büro meines Chefs. High Noon. Er ist schon ein Borg, da bin ich mir sicher. Ich kann es an seinem Lächeln erkennen. Er schiebt mir einen neuen Vertrag über den Tisch. Ich habe Angst. Noch.

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Elke über “Delfinschlaf”

Elke Walter-Tscharf gepostet an Andreas Knierim via Facebook
vor 58 Minuten in der Nähe von Berlin
Delphinschlaf, das Buch ist umwerfend beeindruckend, spannend, witzig in der Sprache mit so viel “Ehrlichkeit” und fast zu tragisch um wahr zu sein!!! Ich wollte nur mal ein zwei Seiten rein lesen … Ein paar Stunden später hatte ich es fertig gelesen. Das beste Buch überhaupt in diesem Genre… Endlich Mal ein Buch das Burnout beschreibt wie er wirklich ist bzw. sein kann!!!
Danke für dieses tolle Buch!!!
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“Delfinschlaf” jetzt als eBook und als gebundenes Buch

Delfinschlaf jetzt als eBook und als gebundene Ausgabe bei Amazon, iTunes, buch.de, neobooks und vielen anderen.

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Sonntag (1 Jahr). Innen. Heimat. Tag.

Mia schreibt: »Wo sind denn die Teller, Carl?« Carl lacht und zeigt auf den Tresen. Alles voller Teller! Das Buffet ist so prächtig, da habe ich die Teller glatt übersehen.

Es sind alle gekommen. Ich will jetzt nicht prahlen, aber die Idee hatte ich. Vielmehr habe ich sie geträumt und auf meine Träume höre ich seitdem. Ich sah ein Fest mit allen Menschen, denen Morris etwas bedeutet hat. Morris war auch da. Lächelte, wie er ganz zum Schluss gelächelt hat.

»Mia, willst du was sagen?« Luzie schaut mich erwartungsvoll an.

»Klar will ich was sagen! Stellt euch doch mal im Kreis auf!«

Dann kann ich nämlich alle gut sehen: Tomàs, Ruben, Luzie, Elli, Carl, Emil, Claire, Pascal und – Yana.

»Jetzt streckt die Hände aus. Links die Handflächen nach unten, rechts nach oben. Bitte jetzt anfassen. Ihr habt eine gebende und eine nehmende Hand.«

Es klappt auf Anhieb. Der Kreis schließt sich.

»Jetzt denkt an Morris. Jetzt fühlt an Morris. Leitet eure Gedanken und Gefühle einfach durch die Hände weiter.«

Die Energie ist deutlich in meinen Händen zu spüren. Ob es den Anderen auch so geht?

Claire räuspert sich: »Ich muss jetzt was sagen: Mein Bruder ist hier bei uns. Nicht so wie früher. Aber er ist hier.«

Nicken rundherum.

Wir schweigen eine schöne ganze Weile.

Dann setzen wir uns an die große Tafel, die Carl draußen vor Tür aufgebaut hat. Die Frühlingssonne ist so intensiv wie vor einem Jahr. Wir sitzen und lachen und speisen vorzüglich.

Die familie ist weiter gewachsen. Yana ist tatsächlich auch dabei und kümmert sich um die Marken-Schäfchen, die aus existentiellen Krisen erlöst werden müssen. Wenn sie ihren Ralph-Lauren-Pulli nicht finden. Auch Nele, die Assistentin von Morris, ist dabei.

Carl sitzt neben mir und fragt, wie immer so schön beiläufig: »Und was ist aus deinem Job geworden?«

»Den hat jetzt jemand anders.« Ich male mir gerade aus, wie dieser Jemand auf den Hintern vor sich guckt, wie er sich anstrengt, weiter zu kommen usw.

»Und du?«

»Und ich habe einen neuen Job!«

»Den ich dir selbstverständlich jetzt gleich aus der Nase ziehen werde.«

Ich lache. Carl ist neugierig! Der coole Barkeeper will es wissen und ich lasse es ihn wissen: »Meine Firma hat mir eine andere Stelle angeboten. Ich kümmere mich jetzt als Compliance Officer um die Typen, die dem Vorstand als Whistleblower das Leben schwer machen. Ich bin nun hochoffiziell subversiv tätig.

»Verstehe ich richtig: Du betreust nun die ganze Chose, die du damals in der Kantine aus Versehen angestoßen hast?«

»Lustig oder?

»Absolut lustig.«

Jetzt ziehe ich meinen Trumpf: »Ich habe übrigens noch was für dich.«

Carl macht große Augen, den vor denselben schwingt ein Schlüsselanhänger hin und her: »Ein Onkel Otto!«

»Aus unserem erstem Mnemo-Gespräch. Gut, dass es Google gibt.«

Carl ist richtig gerührt.

Ich bin aber auch noch dran.

Claire kommt zu mir: »Danke, Mia, dass du das hier organisiert hast!«.

Claire ist sowieso klar. Die Mnemotechnik ist mir treu geblieben: »Hallo Claire. Habe ich gerne gemacht. Morris ist hier, wir haben ihn zu uns geholt.«

Claire schaut jetzt ganz ernst: »Noch was, Mia: Vor ein paar Tagen habe ich die Sachen von Morris geordnet. Nach einem Jahr. Ging nicht früher. Ich hab’ da was für dich gefunden.«

Sie überreicht mir meinen silbernen iPod. »Ist das deiner? Morris hat ja so was nicht.«

»Ja, ist meiner.« Ich drücke auf die Taste in der Mitte. Das Ding beginnt zu leuchten und zeigt eine einzige Wiedergabeliste: Mia. Na, das ist ja mal eine Überraschung: Nachrichten aus dem Jenseits. Ich gehe ein bisschen die Strasse runter, hau mir die Kopfhörer über die Ohren und spiele das Lied. Denn in der Liste ist nur eins.

Der Junge am Fluss. Er liegt im Sand. Blickt in den Himmel. Schaut in die Bäume. Lauscht seinen Träumen. Fällt aus den Wolken. Taucht in die Fluten. Treibt mit den Wellen. Schwimmt mit dem Fisch. Steigt dann ans Ufer. Und liegt im Sand. Der Junge am Fluss.

Ich schaue von weitem auf die Festtafel vor der Heimat. Auf meine Freunde, die dort sitzen und mit mir und mit allem verbunden sind. Ganz da hinten sitzt auch der Junge. Er lächelt. Hat wahrscheinlich von Sand vom Flussufer in den Schuhen.

Alles ist richtig und schön. Gerne würde ich diesen Augenblick festhalten. Für die Ewigkeit.

Aber schon ist er weg, der Augenblick. Er zwinkert mir zu und macht Platz für einen neuen.

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Montag. Innen. Mias Küche. Tag.

Mia schreibt: Ich konnte nichts tun. Niemand konnte was tun. Morris ist heute morgen, an einem Montagmorgen im Mai, gestorben. Die Sonne berührte gerade zaghaft den Raum. Bereit, den Raum mit ihren Strahlen zu fluten. Morris mit ihren Strahlen zu fluten.

Ich habe in dieser Nacht zum ersten Mal länger geschlafen. Ausgerechnet in dieser Nacht. Hätten die Delfine in mir nicht über Morris wachen können? Aber sie waren weg geschwommen.

Was ich jetzt wirklich brauche, ist Hoffnung.

Dass nicht alles unnütz ist.

Dass das Gute siegt.

Dass es nicht immer um die Kohle geht.

Dass die Liebe alles trägt.

Dass es sinnvoll ist, sich für eine bessere Welt einzusetzen.

Dass unsere Gefühle die Macht haben und nicht unsere Ratio.

Dass wir eine Seele haben, die uns führt und uns klärt.

Das wir uns in jeder Minute unseres Lebens Zeit nehmen müssen, das wirklich Wichtige zu tun.

Tu, was du liebst Mia. Tu es jetzt!

Die Menschen beim Ringen mit dem eigenen Leben begleiten. Nicht an ihrem Leben teilhaben, sondern mir ihr Leben erzählen lassen. Dann ihren Blick auf ihr eigenes Leben zu schärfen, indem ich sie immer wieder frage, eine Bemerkung mache, mal etwas erkläre.

In ihren Augen zu sehen, dass sich etwas bewegt, formt, neu entsteht. Der magische Moment. Ein neuer Blick auf das eigene Leben – daran will ich teilhaben.

Es ist ganz friedlich hier in meiner kleinen Küche. Sam sitzt neben mir. Weiß wie immer, was mit mir ist.

Von weitem klingt ein Song: Take off your shoes now. You’ve come a long way. You walked all these miles and now you’re in the right place.

Ist von Boy, einer Gruppe, die aus zwei Frauen besteht. Der Bandname tröstet mich irgendwie.

Morris, zieh’ deine Schuhe aus. Du kommst von weit her. Du bist diese ganzen Meilen gelaufen und jetzt bist am richtigen Platz. Wo immer dieser Platz auch gerade ist, Morris.

Wo immer du auch gerade bist.

Wie gerne würde ich dir noch sagen: Morris, ich liebe dich.

Ich habe dich geliebt von dem Moment an, als ich dich zum ersten Mal gesehen habe.

Wenn ich auch sonst nicht so viel verstehe, das habe ich kapiert: Die Liebe ist einfach da und sie bleibt. Egal, wo wir sind oder egal, wo wir hingehen.

So long, Morris, so long. Pass’ auf dich auf!

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Weiter Sonntag. Innen. Krankenhauszimmer. Weiter Tag.

Mia schreibt: Morris ist wieder wach: »Einen kleinen Laden aufmachen. Du bedienst vorne, ich räume hinten die Regale ein.« Morris Zukunftspläne-Antwort!

»Was verkaufen wir?«

»Alles, was unsere Kunden wollen. Ich habe schließlich Marketing studiert. Wir machen Customers Relationship Management. Wir lesen Gedanken, wir haben im Laden all das, von dem unsere Kunden schon immer geträumt haben.«

»Obst und Gemüse?«

»Obst und Gemüse! Was willst du in der Zukunft?«

Wenn ich mal so still vor mich hin denken würde: Kinder! Da haben wir also eine voll ausgebildete Frau mitten im beruflichen Leben, die ihr Abtreibungstrauma bearbeiten will, indem sie sich Kinder wünscht. Das behalte ich aber erstmal für mich. Kommt Zeit kommt Rat.

»Kinder!« Ich behalte es nicht für mich. Dafür ist das hier zu ernst. Und zu schön, um wahr zu werden.

Morris guckt etwas eingeschüchtert. »Kinder!«

Themenwechsel. »Und natürlich ein super Job. Ohne Chef. Oder mit Chef, mit einem ganz tollen Chef.« In dieser Fragenrunde darf ich doch auch mal ein bisschen naiv sein oder?

»Einem geläuterten Chef wie mich vielleicht?«

»Ich würde dich nehmen. Wir müssten unsere Beziehung aber geheim halten. Ich trenne berufliches und privates strikt.«

»Hört sich aufregend an.«

»Mit mir ist es aufregend!«

Morris nickt ganz oft hintereinander. Lächelt. Macht wieder DIESES GESICHT. Ist nicht fair, Morris. Ist denn heute Tag des Lächelns?

Themenwechsel, die zweite. »Lass uns eine Runde im Garten drehen.«

Bestes Frühlingswetter. Etliche Paare sind in der Botanik. Im heftigsten Kontrast-Outfit: Bademantel trifft Joop-Kostüm. Oder Hilfiger-Poloshirt trifft Morgenrock. Die Konsumwelt in Frieden vereint mit der medizinischen Realität. Manche tragen sogar ultra-hippe Wägelchen bei sich, an denen der iTropf hängt. Denn sie sind so clear designt, wie es Apple-Jonathan-Ive nicht hätte besser machen können.

Morris ist nicht zu bremsen: »Frag’ mich nach meine Rente.«

»Morris: Was stellst du dir für deine Rente vor?« Im Tonfall der Erzieherin aus dem Kindergarten.

»Ich war mal in Griechenland in einem Lokal. Besser gesagt, draußen im Garten. Wir waren da mehrmals. Am Erdgeschoss des Hauses gab es ein Zimmer mit kleiner Terrasse. Da saß ein Opa – der frühere Besitzer, sein Schwiegersohn hat das Lokal übernommen. Der saß da im Pyjama, der Opa meine ich. Vor der versammelten Gästeschar saß er da im Pyjama. Trank noch ein Gläschen Roten. Und verschwand dann im Bett. Könnte ich mir genauso vorstellen.«

»Und was machte die Oma vom dem Opa?«

»Die war immer bis in die Puppen wach. Unterhielt sich mit den Gästen. Räumte die Tisch ab.«

»Könnte ich mir genauso vorstellen. Für meine Rente meine ich.«

Wir lachen. Wir drehen noch eine Runde im Garten.

Morris ist ganz schön schlapp. Er ist ja auch viel mehr wach als sonst. Ich bremse ihn ein:»Willst du dich wieder hinlegen?«

»Der Geist sagt nein. Das Fleisch aber will ins Heiabettchen.«

»Ich brauche mal noch eine Info.«

»Sehr wohl, gnädige Frau. Was hätten’s denn gern?«

»Na ja, hat mit dem hier zu tun.« Ich zeige ihm die Puzzleteile.

»Ach das. Hast du es zusammen gebaut?«

»Habe ich. Würde ich gerne mit dir hier im Zimmer noch mal machen.«

»Ich kann’s blind zusammen setzen.«

»Dann los.«

Wir puzzeln. Alle Gesichter sind diesmal zu sehen, denn wir haben ja alle Teile. Wieder das Gruppenbild. Morris zeigt auf die Köpfe, erzählt, was sie machen.

»Alle bei dir aus der Abteilung?«

»Alle.«

»Also auch ….?«

Morris deutet auf einen Kopf. Das vorletzte Puzzleteil von dieser Woche: »Das Puzzle war ein Geschenk unser Assistentin an alle. Zur Erinnerung oder so.«

»Warum hast du es mir geschickt?«

»Vielleicht, um die Erinnerung endlich los zu werden?«

»Hat es funktioniert?«

»Natürlich hat es nicht funktioniert. Wird wohl für mich ein Lebenspuzzle bleiben.«

Ich schnappe mir die Teile, laufe zum Fenster. Frau Mia Holle lässt Puzzle-Schnee regnen! Die Teile schweben durch die Nacht.

Morris kommt aus seinem Bett, schaut nach unten, schaut nach oben, schaut mich an: »Danke. War längst überfällig.«

»You’re welcome. Eine meiner einfachsten Übungen. Jetzt aber wieder ins Bett, junger Mann.«

Er liegt, ich sitze an der Bettkante: »Wie war es eigentlich so, fast den ganzen Tag wach zu sein.«

»Ehrlich?«

»Ehrlich!«

»Es war wunderbar und das hatte zu allererst mal mit dir zu tun. Wenn ich gewusst hätte, wie viel Spaß es macht, sich mit dir zu unterhalten, hätte ich gleich am ersten Abend damit angefangen.«

»Zu spät.«

»Für den ersten Abend ja. Für die nächsten Abende aber ganz und gar nicht.«

»Was soll denn bei unseren ganzen nächsten Abenden so rauskommen?«

»Ein bisschen Nähe vielleicht?«

Jetzt müssten bei mir eigentlich die Alarmlichter blinken. Tun sie aber nicht. Dann ist auch keine Gefahr. Verlass’ dich auf dein Gefühl, Mia.

»So eine Nähe vielleicht?« Ich setze mich aufs Bett.

»Mehr, als ich jemals zu träumen wagte.« Er richtet sich wieder auf.

»Und weiter?«

»So vielleicht.« Sein Arm auf meiner Schulter.

»Puh, ganz schön mutig, Mister Morris.«

»Mut ist mein zweiter Vorname.«

Er küsst mich. Ich küsse ihn. Wir küssen uns. Es ist so fantastisch, dass wir uns endlich küssen. Er schmeckt so fanstatisch, dieser Morris. Die Süße seiner Lippen vermischt sich mit dem Salz seiner Tränen, die da plötzlich auch noch sind. Die Welt hält kurz an. Im Zeitloch zwischen Vergangenheit und Zukunft, in der jetzigsten Gegenwart des heutigen Hiers finden wir uns. Wir können uns trösten für all das, was wir getan und erlebt haben. Es gibt kein falsch und richtig. Es gibt nur uns beide, so nackt, wie unsere Seelen gerade sind. Die Liebe tröstet Mia, die das Verliebtsein abgestreift hat. Die Liebe tröstet Morris, die er so lange nicht sehen konnte. Die Liebe umhüllt uns beide wie ein riesiger Schal. Je näher wir uns kommen, umso näher kommen wir unseren Ängsten. Wir dürfen diese Ängste haben, das ist ein Menschenrecht.

Ich krieche zu ihm ins Bett. Lange liegen wir zusammen. Sagen nichts. Denken nichts.

Morris schläft in meinen Armen ein. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als endlich auch schlafen zu können. Süß zu träumen wie Morris, die Alpträume gehen zu lassen, Ruhe zu finden mitten im Zentrum des Orkans. Dort weht kein Lüftchen.

Die vorbeifahrenden Autos hinterlassen an die Zimmerdecke so seltsame Lichter. Habe ich das letzte Mal als Kind gesehen. Jetzt sehe ich das hier wieder. Schlaf, Kindlein, schlaf. Mia geht ins Träumeland.

Mia und Morris sind im Pyjama und prosten mit ihren Gläsern der versammelten Abteilung zu. Alle sind fröhlich. Wir haben geheiratet. Konfetti fliegt über uns und auf uns. Flash Forward. Seine Hand in meiner Hand. Wir schwitzen. Ich drücke fest zu. Ich schreie.

Ich wache auf. Von meinem Schrei! Morris trägt einen Pyjama. Ich taste nach meinen Fingern: Wir sind anscheinend noch nicht verheiratet. Ich trage meine Klamotten von Samstag. Einschlafen. Right now.

Ich schwimme mit den Delfinen. Sie sind ganz eifrig bei der Sache. Ich lasse los. Sie schwimmen davon. Ich bleibe zurück. Ich bin nicht traurig.

Wieder wache ich auf. Höre das ruhige Atmen von Morris. Höre meine eigene Atmung. Dann darf ich ja schlafen.

Mia wird verfolgt. Sie flüchtet. Sie wird eingekreist von zwei Seiten. Sie steht auf dem Treppengeländer. Jetzt bin ich es plötzlich selbst: Ich schaue nach unten. Ich stehe auf dem Treppengeländer. Es gibt keinen Ausweg mehr. Doch: Springen. Endlich springen. Ich springe. Ich segele durch die Luft. Sterbe ich?

Ich wache auf. Eine Schwester schaut mich an: »Kommt schon wieder alles in Ordnung. Wir nehmen jetzt die Salbe.« Ich sehe massenhaft Tuben mit Salbe. War mir gar nicht aufgefallen. Ein Happy End, die päppeln mich schon wieder hoch.

Es piept. Die Krankenschwester schaut auf. Es piiiiiiept.

Jetzt wache ich noch mal auf. Hier sind ja richtig viele Leute. Kann ich was tun? Hallo, was kann ich tun? Hallo?

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Weiter Sonntag. Innen. Ärztezimmer. Tag.

Mia schreibt: Das Zimmer ist erbärmlich. Zwei Stühle aus Weltkriegsbeständen. Schreibtischunterlage von einer Pharmafirma, die Ecken sind hochgewölbt. Stifte, Uhr, Blocks von einer anderen Pharmafirma. Was hat hier eigentlich kein Logo?

Ich frage mal die Ärztin meines Vertrauens:»Hier verbringen Sie ihre Zeit?«

»Nur meine Freizeit. Sonst bin ich ja auf Station.«

»Schon ein bisschen länger an diesem Wochenende oder?«

Sie schaut auf die Pharma-Uhr an der Wand: »Neunundzwanzig Stunden jetzt.«

»Ihnen würde Delfinschlafen auch ganz gut tun.«

»Wo wir beim Thema sind: Ihr Ritalin-Konsum, ich korrigiere mich: Ihr hoher Ritalin-Konsum. Hat der Arzt dazu etwas gesagt.«

»Hat er.«

»hat er ihr Blut getestet?

»Hat er. Bedenkliche Werte, sagt er.«

»Wann war das?«

»Vor zwei Wochen.«

»Dann wundert mich überhaupt nichts bei Ihnen. Wenn die Werte vor zwei Wochen schon erwähnenswert waren, haben wir es jetzt mit einer akuten Vergiftung zu tun. Sie nehmen das seit wie lange?«

»Ähm, vielleicht seit zwei Monaten.«

»Willkommen im Leben und was davon noch übrig geblieben ist. Wie sind Sie denn auf das schmale Brett gekommen für die Dauerverköstigung? Wer verschreibt so was?«

»Man hat so sein Quellen: Hausarzt, Frauenarzt, Arzt von Freunden ….«

»Medikamentenabhängigkeit. Um mal auf den Punkt zu kommen.«

»Würde ich jetzt nicht so bezeichnen.«

»Ist die Standardantwort, die ich jeden Tag bekomme. Ich bin nicht süchtig oder so ähnlich.«

Ich muss erstmal schlucken. »Wie sind denn da die Nebenwirkungen?«

»Meines Wissens gibt es da einen Beipackzettel.«

»Schmeiß’ ich immer weg.«

»Hätten Sie lesen sollen. Und wären gestoßen auf: Halluzinationen.«

»Interessant.«

»Deshalb so interessant, weil Ihre Vorstellung, sie würden wie ein Delfin schlafen, da ganz gut reinpasst.«

»Ich bilde mir also das Delfinschlafen nur ein?«

»Nicht in der vollen Breite. Sie schlafen wahrscheinlich nur in kurzen Abständen, ich vermute so ein oder zwei Stunden.«

Protest von mir: »Gefühlt aber viel kürzer!«

»Die vermuteten Halluzinationen.«

Hallo, geht’s noch? Ich bilde mir das alles ein? Da brauche ich aber dringend eine zweite Meinung.«

»Aber auch die ein bis zwei Stunden Schlaf am Stück sind immens schädlich für Ihre Gesamtverfassung. Sie haben nicht genügend Tiefschlafphasen, genannt REM-Phasen.«

»Wenn die Lider so hektisch hin und her zucken?«

»Ganz genau. Eine wichtige nächtliche Phase, damit Sie den Tag gut verarbeitet bekommen.«

»Also verarbeite ich nichts mehr?«

»Doch schon. Aber nicht mehr im Unbewussten. Sondern fast nur noch im Bewussten. Das ist immens anstrengend für ihre Psyche und inzwischen auch für Ihren Körper.«

»Also das Medikament absetzen?«

»Führt zum Kollaps. Nein, besser ausschwemmen. Immer weniger nehmen, immer mehr tiefschlafen. Formel einfach.«

»Kann ich das hier bei Ihnen machen? Ausschwemmen meine ich.«

»Könnten Sie schon hier machen. Warum nicht unter Aufsicht beim Hausarzt?«

»Akute Vertrauenskrise.«

Sie lächelt mich an. In ihrer dreißigsten Arbeitsstunde lächelt sich mich an. Ich könnte sie knutschen. Ich will so sein wie sie.

Strenger Ton von ihr jetzt: »Ok. Bedeutet aber, dass sie jeden zweiten Tag hier erscheinen. Sonst sind Sie in meinen Augen Junkie. Und Junkies behandeln wir hier in einer anderen Abteilung.«

Ich nicke ihr zu. Sie gibt mir die Hand: »Ihren Freund würde ich gerne noch eine Nacht hier behalten. Er macht einen guten Eindruck, die Krankengeschichte bekommt von mir aber noch einen Vorsicht-Stempel.«

Was sie wohl noch für Stempel hat? Lügt, Psycho, Ehefrau einweisen, Geheilt? So genau will ich es nicht wissen.

»Bis später dann.«

»Wie lange dauert denn Ihr Dienst noch?«

»Ist doch Wochenende. Bis heute Abend um zehn.«

»Von Ihrer Arbeitszeit könnten meine Chefs noch was lernen. Oder besser nichts lernen.« Sie dreht sich um, sie ist schon fast weg, winkt mit der rechten Hand ganz leicht. Ohne sich noch einmal zu mir umzudrehen.

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Wieder Sonntag. Innen. Weiter Krankenhaus. Tag.

Mia schreibt: »Hey.«

»Hey. Bin ich im Himmel?«

»Schau dich um!«

Morris scannt das Zimmer: »Ist wie in den Beschreibungen vom Himmel: Weiße Wände, Apparate, Schläuche, ein Tablett mit einem Brötchen, einer Tasse und Synthetikmarmelade ….«

»Du hast deinen Humor wieder gefunden.«

»…. eine schöne Frau, die an meinem Bett sitzt.«

»Die Ironie bekommt Oberhand.«

Er lächelt mich an. Mia, du schmilzt. Gleich kommen die Putzfrauen, wischen dich auf, drücken ihre Aufnehmer in ihre Eimer aus und du verschwindest samt und sonders im Ausguss.

Morris lächelt wieder: »Ich hab’ das Gefühl, dass ich zum ersten Mal seit Wochen wieder geschlafen habe.«

Ich erinnere ihn: »Du hast aber eigentlich fast nur noch geschlafen.«

»Aber nicht so. Nicht so aufgepasst.«

»Äh, wie belieben?«

»Du hast auf mich aufgepasst!«

»Ich habe den Schlafsessel okkupiert.«

»Krieg’ ich ein Lächeln?«

Er kriegt eins. Und noch eins. So viele du willst, mein Süßer.

Das Frühstück steht schon bereit. Gemeinsames Frühstück im Bett! So hatte ich mir das immer vorgestellt.

»Stellen wir uns mal vor, wir wären ein Paar.« Morris sagt das.

»Wir wären ein Paar? Absonderliche Vorstellung.« Warum Mia, muss du immer das Gegenteil von dem sagen, was du gerade fühlst?

»So absonderlich finde ich das jetzt nicht. Wir sind schließlich fast zusammen im Bett!«

»Trotz dieser verfänglichen Situation: Wir passen einfach nicht zusammen.«

»Recht hast du, wir sind altersmäßig zu weit auseinander.«

»Inhaltsmäßig sind wir auseinander: Ich bin eine arbeitslose Mitarbeiter-Maus. Du bist ein freigestellter Top-Manager.«

»Bosse heiraten oft ihre Sekretärinnen.«

»Das war in grauer Vorzeit. Es gibt keine Sekretärinnen mehr.«

»Richtig. Nur noch Assistentinnen. Zum Heiraten zu schlau.«

»Siehste. Und ich verachte Menschen wie dich, normalerweise.«

»Ich habe also Chancen, wegen normalerweise?«

»Du hast Schangsen. Dazu aber einige Testfragen. Was würdest du als erstes mit mir machen, wenn wir zusammen wären?«

»Super einfach: Planetarium. Wir Großstädter müssen ins Planetarium. Live ist der Sternenhimmel bei uns ja nicht mehr zu sehen. Viel zu hell.«

»Und dann?«

»Würden wir uns unter dem Sternenhimmel küssen.«

»Zu kitschig.«

Er schaut mich skeptisch an: »Was würdest du als erstes machen?«

»Kino. Da ich normalerweise allein gehe, ist es eine hohe Ehre, wenn du dabei sein darfst.«

Morris deutet eine Verbeugung an. Scheint sich geehrt zu fühlen: »Klar. Kino. Was auch sonst. Welcher Film?«

»Du musst raten. Die Szenerie stimmt schon.«

»Krankenhaus?«

»Krankenhaus!«

»Kannst du dir nicht einen lustigen Film aussuchen?«

»Ist ein lustiger Film!«

»Der im Krankenhaus spielt. Verstehe.«

»Der auch im Krankenhaus spielt. Aber auch noch an anderen Plätzen.«

Ich breite die Arme aus und beginne zu Segeln. »Uaaaahhh.«

»Titanic.«

»Spielt doch nicht im Krankenhaus. Also: Falsch.«

»Fallschirmspringen?«

»Richtig.«

»Hä?«

»Hä ist es nicht. Nein, falscher Titel. Ich spiel’ dir noch eine andere Szene vor.« Ich führe meine Fingerspitzen über dem Kopf zusammen, forme eine Spitze.

»Häuser!«

»So ähnlich. Spitzer.«

»Pyramiden.«

»Richtig.« Ich hocke mich hin, springe dann ein bisschen zur Seite und hocke mich wieder hin.

»Zwei Leute davor.«

»Richtig.« Der Mann ist gut.

»Indiana Jones. Asterix bei Kleopatra. Die Pyramiden des Todes.«

Der Mann ist schlecht. »Alles falsch. Noch eine Szene, letzte Chance für dich.« Ich führe meine Hand, die etwas greift, zum Mund.

»Aus dem Becher trinken.«

»Gut. Was trinke ich?«

»Kaffee.«

»Ja, weiter richtig.«

Ich gehe in Hochstellung, mache ein angestrengtes Gesicht, ich presse.

»Du kackst?«

»Wieder richtig.«

»Kaffeetrinken und kacken. Sorry, wie crazy ist das denn?«

»Denk nach.«

»Ich gebe auf. Ist sicher ein Arthouse-Film, den du ganz alleine im Programmkino gesehen hast.«

»Nix Arthouse. In Deutschland über 5 Millionen Zuschauer. Die haben alle, wirklich alle, am Ende geweint.« Ich hole einen Löffel vom Tablett: »Na?«

»Ein Löffel. Ach Scheiße, ein Löffel. Die Löffelliste!«

»Genau! Einem Fremden etwas Gutes tun. Jack Nicholson hält die Grabrede für Morgan Freeman und hakt dann auf der Löffelliste seinen letzten Punkt ab.«

»Ist nicht der letzte Punkt. Nummer zehn ist Das schönste Mädchen der Welt küssen.

»Oh, hallo. Da ist ein Kenner am Werk. Seine Enkeltochter ist das schönste Mädchen der Welt. Respekt!«

»Das Beste kommt zum Schluss. The Bucket List. Der Kopi-Luwak-Kaffee, dessen Bohnen von der Schleichkatze ausgeschieden werden. Kaffee und kacken. In den Film gehst du mit mir rein?«

»Dann beobachte ich dich im Kino ganz genau: An welchen Stellen du lachst, an welchen du weinst!«

»Und dann?«

»Dann weiß ich, ob du der Richtige bist.«

»Partnersuche via errata cinematografica.«

»Ist die todsichere Methode, weil es der todsichere Film ist dafür.«

»An welchen Stellen muss ich lachen. Wann weinen?«

Ich winke ab: »Nee, nee. Vorbereiten gilt nicht.«

Morris lächelt wieder: »Darf ich kurz ein bisschen schlafen? Ich meine: vor der nächsten Frage?«

»Si claro.«

Morris macht die Augen zu und schläft sofort. Kenne ich doch von meiner Nichte. Wenn sie total kaputt ist vom Tag. Der Tag ist aber noch morgens.

Er schläft schon wieder. Sollte ich mal die Ärztin sprechen?

»Seit wann schläft er denn?« Die Ärztin hat sich reingeschlichen! Sie kann Gedanken lesen, bestimmt!

Ich antworte ihr möglichst präzise: »Erst seit ein paar Minuten.«

»Was haben Sie denn für einen Eindruck? Besser oder schlechter als gestern.«

»Besser.«

»Seine Werte sind okay. Wollen wir noch ein wenig über Ihr Bedingen sprechen?«

»Hier?«

»Wenn Sie wollen, auch in meinem Zimmer.«

»Ist mir lieber.«

Wir laufen über die Gänge, ich komme kaum mit bei ihrem Tempo.

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Weiter Samstag. Innen. Krankenwagen. Dann: Krankenhaus. Tag.

Mia schreibt: Das Blaulicht spiegelt sich auf den Hauswänden. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie in einem Krankenwagen gesessen. Wir fahren irrsinnig schnell.

»Bleiben Sie eine Nacht hier. Nicht zur Beunruhigung, zur Vorsorge.« Die Ärztin sagt das im ruhigen Ton, ruft eine Schwester: »Wir brauchen ein Zimmer mit Bett und Schlafsessel. Haben wir was frei?«

Sie haben was frei und ich werde mit Morris meine erste gemeinsame Nacht verbringen. Es ist wie sonst auch: Der Typ schläft und ich bin wach. Nur, dass diesmal die Ereignisse vor dem Zubettgehen wesentlich erregender sind als alles, was ich bisher kannte.

Die Ärztin kommt noch mal zu mir. »Er ist außer Gefahr, würde ich mal sagen.«

Sie ist kaum älter als ich. »Wir haben bedenkliche Blutwerte gemessen. Haben Sie eine Ahnung, ob er regelmäßig gegessen hat, sich bewegt hat?«

»Ich schätze weder das eine, noch das andere. Meines Wissens hat er die letzten Monate damit verbracht, so gut wie dauernd zu schlafen.«

»Das ist für seine Gesamtkonstitution nicht gerade vom Vorteil. Was er braucht, kann hier nicht kriegen. Hat er einen Hausarzt?«

»Da bin ich überfragt.«

»Ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten, aber kennen Sie den Mann erst kurz?«

»Rein äußerlich gesehen würde ich sagen: ja.«

»Ich riskiere hier ziemlich viel, wenn Sie beide in einem Zimmer die Nacht verbringen und Sie eine Kurz-Beziehung sind.«

»Innerlich gesehen kenne ich ihn wahrscheinlich schon immer.«

Sie lächelt. Ich habe das Gefühl, dass in dieser Klinik zum ersten Mal überhaupt jemand lächelt. Sie schaut mich an. Zuerst ärztlich rational. Dann so was wie – menschlich: »Sie sehen aber auch mitgenommen aus!«

»Schlaf ist so im Moment nicht mein Ding.«

»Was bedeutet?«

»Ich schlafe nur so ein paar Sekunden. Wie ein Delfin, sage ich mir in den letzten Wochen.«

»Medizinisch ist das dann aber ein Wunder. Schlafen wie ein Delfin? Habe ich noch nie gehört. Ich habe mein halbes Leben hier in Notaufnahme verbracht. Gefühlt verbracht, meine ich. Wie schlafen Sie denn?«

»Immer nur kurz: Auch tagsüber. Ich nicke so kurz weg.«

Jetzt schaut mich die Ärztin nur noch medizinisch an: »Darf ich Sie untersuchen? Ich brauche noch ein Thema für meine Doktorarbeit. Ich könnte mir Ihren Symptomen punkten.«

»Meinen Sie nicht ernst oder?«

»Doktorarbeit: nein! Untersuchung: ja! Ich habe heute Abend sowieso nichts mehr vor.«

Sie testet meine Muskeln. Schaut mir in die Pupillen: »Nehmen Sie regelmäßig Medikamente?«

Mia, jetzt keine Ausflüchte: »Ritalin. Wegen ADHS.«

»Unter Aufsicht des Hausarztes?«

»Nicht so ganz.
»Nicht so ganz?«

Habe ich vor längerer Zeit verschrieben bekommen. Davon habe ich nun noch einen kleinen Vorrat, den ich langsam aufbrauche.«

Weiter der medizinische Blick: »Definieren Sie kleinen Vorrat und langsam aufbrauchen.«

»Täglich eine, Dosis von vielleicht 200 mg.«

»Und das haben Sie bisher überlebt?«

»Wollen Sie mir Angst machen?«

»Allerdings möchte ich das. 200 mg lösen, freundlich gesagt, Empfindungsstörungen aus.«

»Aber ich empfinde doch ziemlich viel!«

»Könnten aber Empfindungen sein, die Ihnen so nicht untergekommen sind.«

Die Ärztin fragt mich nach meiner Familie, nach Vorkrankungen. Immer weiter fragt sie, auch: »Gibt es eine belastende Situation im Moment?«

Zustimmung von mir: »Eine Situation wäre gut. Es gibt richtig viele.«

»Schon länger?«

»Seit ein paar Monaten bestimmt.«

Ihr Piepser piepst. Sie schaut kurz drauf: »Ich muss leider mal weg. Schlafen Sie erstmal. Weiterhin in den Schlafsessel zu ihrem Freud oder ein Extra-Bett?«

»Schlafsessel klingt nicht so krank.«

»Wie Sie wollen. Um einen Besuch bei einem Spezialisten kommen Sie aber nicht drumrum. Versprochen?«

»Versprochen.«

Gott, ist die gut. Genauso alt wie ich?

»Entschuldigung für die Frage schon jetzt: Wie alt sind Sie?«

»Entschuldigung akzeptiert. 29.«

»Was für einen schönen Beruf Sie haben.«

»Ist jetzt nicht Ihr Ernst oder? Klingt wie bei Doktor Stefan Frank. Ist ein Beruf wie jeder andere: Viel Arbeit, zum Schlafen nach Hause gehen ist verpönt, größenwahnsinnige Chefs, Papierkram. Es wird rumgeschrien. Oft. Verraten Sie’s aber keinem. Die Kasse zieht uns sonst noch was ab.«

»Ich schweige wie ein Grab. Aber Sie haben doch eine Aufgabe. So medizinisch meine ich.«

»Interessiert hier eher keinen. Hauptsache, es rechnet sich.«

»Kein Traumberuf mehr?«

»Träumen Sie weiter! Spätestens, wenn ich Chefärztin bin, werde ich genauso wie alle anderen. Ich zeig’s euch. Ich mache die Assistenzärzte fertig. Ich mach’ sie platt.«

»Kann ich mir bei Ihnen nicht vorstellen!«

»Danke. Wird aber so kommen, ist das Gesetz der Serie. Jetzt muss ich aber ….«

»Danke Doc. Eine Bitte hätte ich noch: Haben Sie was zu schreiben für mich?

Sie gibt mir ihren Block und ihren Stift: »Kriege ich das morgen zurück?«

»Aber immer.«

Als sie weg ist, strecke ich mich aus. Ein Schlafsessel für den Delfinschläfer. Was gibt es schöneres?

Ich höre Morris gleichmäßig atmen. Der kleine Bildschirm zeigt: EKG, Blutdruck, Sauerstoff, Temperatur, CO2. Steht da fein säuberlich. Kenne ich alles x-mal aus dem Kino. Hier ist es aber irgendwie anders. Irgendwie realer. Mia, werd’ endlich wach, das Leben ist kein Kino. Hier liegt Morris, wahrscheinlich dem Tod noch mal Tisch gesprungen. Wenn wir bei Final Destination wären, würde sich das der Sensenmann nicht gefallen lassen. Das noch mal zum Kino.

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Samstag. Innen. Mias Wohnung. Immer noch Nacht.

Mia schreibt: Er darf mitkommen. Ausnahmsweise. Zu mir nach Hause. An den Küchentisch. Sonst nirgendwohin. Seit Monaten darf hier keiner mehr rein. In die heiligen Hallen. Mein Refugium. Meine Höhle.

»Weißt du, ich habe in der Heimat mit deiner ehemaligen Assistentin gesprochen. Nicht einfach so gesprochen. Eher mit Struktur. Mit Ergebnis.«

»So was wie ein Heimat-Gespräch?«

»Ein familie-Heimat-Gespräch. Wurde mir von offizieller Seite auch bestätigt.«

Morris kennt wohl das Procedere: »Du hast also vor versammelter Mannschaft einen Stegreif-Vortrag gehalten?«

»So was von Steh und so was von Greif.«

»Bestanden?«

»Summa cum laude.«

»Du weißt schon, dass die Prüfung das Gespräch mit Nele war?«

»Deine Assistentin?«

»Genau. Was hast du gefühlt?«

»Wenn du mich so fragst: Ich habe mich zum ersten Mal wirklich verbunden gefühlt, mit mir, mit den anderen Menschen, mit der Welt. Das Gefühl ist tief und es hält an. So etwa.«

»Dann war es klar, dass wir dich aufgenommen haben. So ist es uns allen vor dir ergangen.«

Ich bin gerade nicht sonderlich beeindruckt: »Irgendwie kriege ich das immer noch nicht gebacken. Bin ich jetzt Mitglied in einem Geheimbund oder so?«

»Eher das Gegenteil. Wir sind einfach da. Es spricht sich rum. Jeder kann kommen. Es kostet nichts.«

»Na ja, den Preis muss ich aber trotzdem zahlen.«

»Welchen Preis?«

»Den Preis der Veränderung.«

»Wenn du das willst, klar. Dann zahlst du den Preis. Ich habe auch ordentlich gezahlt. Vor meiner Zeit in der Heimat.«

»Kommt jetzt die Lebensbeichte?« Was rede ich da? Morris liegt doch nicht im Sterben. Scheiße.

»So was in der Art. Ist ein Vater-Sohn-Spiel gewesen. Kannst du dich an die Postkarten erinnern?«

Ich nicke: »An jede Zeile.«

»Meinte eher die Bilder.«

» Herborn, Kassel und das Altmühltal?«

»Du kannst dich erinnern. Alles Städten meiner Jugend. Bin viel rumgekommen.«

»Weil ….?«

»Weil mein Vater sich auch erstmal finden musste. Oder sich noch immer finden muss?«

»Was macht er heute?«

»Keine Ahnung. Kein Kontakt!«

»Deine Mutter?«

»Gestorben vor fünf Jahren. Da haben wir uns zum letzten Mal gesehen.«

Bei Elternbeziehungen habe ich auch einiges an Erfahrungen, die ich gerne mal kund tue: »Würdest du auch zur Uni geschickt?«

»Geschickt ist sehr schön gesagt! Freiwillig wäre ich da nicht hin. Ich wurde geschickt, weil mein Vater am liebsten dorthin gegangen wäre. Ich habe fleißig meine Abschluss gemacht und mich dann gerächt!«

»Diesmal schön gesagt von dir!«

»Ich bin sofort zu einem Konzern gegangen und habe Managerkarriere gemacht. Die Sorte Menschen, die er immer verspottet hat.«

»Holla die Waldfee. So primitiv läuft es ab?«

»Vater-Sohn-Spiel. Sagte ich doch schon. Der klassische Einakter.«

»Was hatte dein Vater gegen Manager?«

»Für ihn haben die nie irgendetwas richtig gemacht. Sie haben von nichts eine Ahnung, vor allem nicht, was sich tatsächlich bei den Kunden abspielt. Sie verdienen idiotisch viel Geld, kaufen sich überflüssige Sachen, sind arrogant, laufen rum, als hätten sie einen Stock verschluckt.

»Und?«

»Stimmt alles. Eine exakte Beschreibung meiner Tätigkeit.«

»Dann hat er dich auch verspottet?«

»Schlimmer: Er hat mich als Managerposten komplett ignoriert. Kein Wort über meine Arbeit. Auch nicht, als es so eskalierte.«

»Wusste er davon?«

»Über meine Schwester. Ihr habe ich alles erzählt. Du kennst sie doch?«

»Ich kenne deine Schwester?«

»Claire. Ist doch auch ab und zu in der Heimat.«

Claire? Die Frau, die gestern Abend, also fast eben noch, bei Yana stand? Die einzige aus dem Kreis, mit der ich bis jetzt kein einziges Wort gewechselt habe? Claire, die wahrscheinlich die ganze Zeit wusste, wo Morris steckte? Ich kriege einen Krampf.

Morris ist noch nicht fertig: »Dann ist mein Vater plötzlich auch gestorben.«

»Wann?«

»Kurz vor meinem Burn-out. Die Wochen danach ist alles komplett schief gelaufen. Habe ich dir ja in der Scheune erzählt. Jetzt mach ich Nägel mit Köpfen: Ich habe eine Presseerklärung geschrieben, ich werde jetzt alles öffentlich machen. Ich habe ein komplettes Dossier angelegt, im Zeitverlauf: Der Druck von oben, mein Ausrasten, der Selbstmord, die Vertuschung.«

»Willst du das wirklich aufdecken?«

»Ja.«

»Du kommst in den Knast.«

»Bin ich doch schon längst.«

»Du wirst dich wirklich komplett ruinieren.«

»Ich muss das machen, Mia.«

»Buße tun? Für nicht geführte Gespräche?«

Morris schweigt.

Das ist nicht fair. Frauen reden, Männer schweigen. Scheiß-Spiel!

Es reicht: »Vielleicht wäre es besser, dir mal klar zu machen, warum du überhaupt noch lebst. Nach deiner Schlaf-Selbsttherapie im Dunklen. Deiner kompletten Kontaktverweigerung und jetzt genau dem Gegenteil: Klagt mich an, ich bin schuldig, ich habe gesündigt. Hier ist meine Presseerklärung. Hier ist mein Dossier. Ich bin frei zum Abschuss!«

Schweigen. Weiter Schweigen.

Ich wechsele meine Strategie und nehme ihn in dem Arm. Da kann er ja genauso gut schweigen oder? Er ist willig, er lässt es geschehen. Er riecht gut. Mann, Alter, fang’ endlich an zu weinen.

Er scheint mich zu hören, denn er fängt an. Leise, mit Nasehochziehen. Ein kleiner Junge. Boy oh boy.

Wir sitzen da lange zusammen in meiner Küche. Jeder auf seinem Stuhl und trotzdem verknotet. Mein Pullover weicht durch, mein T-Shirt weicht durch. Schließlich bin ich so komplett durchgeweicht, dass ich ihm Tempos hole. Im Bad sehe ich im Spiegel auf meiner Brust den Abdruck seines Gesichts, so fest hat er sich an mich gedrückt. Ich atme tief: Langsam verfliegt sein Abdruck. Nein, bitte geh’ jetzt nicht.

Als ich ins Wohnzimmer zurück komme, liegt Morris ganz entspannt auf dem Sofa. Ich setzte mich zu ihm. Ich könnte mir vorstellen, seinen Abdruck auf meiner Brust wieder zu vertiefen.

»Hier sind Taschentücher.« Schweigen.

»Morris?« Schweigen.

Shit, hier stimmt was ganz und gar nicht. »Morris?« Null Reaktion. Total blasses Gesicht. Er atmet aber. Flach.

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Innen. Heimat. Weiter Nacht.

Ich muss mit rein. Bekommt mir nicht besondern. Kurze Station am Tresen. Carl schaut mich besorgt an: »Ein Glas Wasser?«

Hab’ noch nie gehört, dass Carl ein Glas Wasser anbietet. »Könnte mir gut bekommen. Danke.«

Ich stürze es runter wie einen Schnaps. Bekleckere mich. Wische mir den Mund mit Handrücken ab. Was nun?

Yana schwirrt ab in Richtung Morris: »Bleib mal kurz hier, ich erledige die Höflichkeiten.« Sie braucht exakt fünf Schritte bis zur Liga-Braut und sagt nur einen Satz, der bis hierher gut zu hören ist: »Meine Liebe, ich müsste diesen Herrn mal kurz ausleihen. Sie gestatten.«

Morris ist verblüfft, kommt mit. Steht vor mir und sagt jetzt diesen beschissenen Scheiß-Satz. Kein Drehbuchautor traut sich mehr, diesen Satz seine Darsteller sagen zu lassen. Morris traut sich: »Es ist nicht so, wie du denkt. Ich kann alles erklären.«

Hupsa, jetzt rutschen mit gleich die Beine weg. Ich stütze mich auf den Tresen und da wird es auch schon finster.

Einmal werden wir noch wach, heißa dann ist Morris-Tag. Er beugt sich über mich, hilft mir hoch. Ich stoße ihn weg: »Lass mich, es geht schon.«

Hupsa Teil zwei, ich liege wieder, diesmal bei vollem Bewusstsein. Er stützt mich wieder. Von mir aus. Ist ja sowieso alles egal. Wir gehen zu einem Tisch, Liga-Braut hat alles verfolgt. Macht aber keine Anstalten, hier aufzutreten.

»Hör mir zu. Das ist die Frau von diesem Mitarbeiter.«

Ich schaue ihn mit großen Augen an: »Welchem Mitarbeiter?«

»Na, dem Mitarbeiter.«

Der Mitarbeiter, den Morris in den Suizid getrieben hat? Gerne würde ich ihn das hier möglichst laut fragen. Ihn einmal völlig fertig machen, dieser ganzen Vertuschungsgeschichte ein Ende setzen. Ich kann nicht. So wenig, wie ich geschrieen habe im Büro meines Chefs. Ich bin wirklich eine Flasche.

Morris gibt Informationen: »Sie wollte unbedingt hier her kommen. Ich habe sie bestimmt zwanzig Mal eingeladen. Heute ist sie gekommen. Es ist der erste Todestag, verstehst du. Es ist vor einem Jahr passiert und jetzt endlich hat sie mit mir gesprochen. Es gab schon vorher Schwierigkeiten mit ihrem Mann. Schon eine Arbeitsstelle vorher. Mit so einem Chef-Klon von mir. Arschloch 2, wenn du so willst. Anscheinend haben wir da ein Spiel gespielt, er lässt sich fertig machen und ich mache ihn fertig. Wie so ein Muster, was immer wieder abläuft.«

Mit Mustern bin ich eigentlich bedient. Ertrage ich im Moment nur noch auf der Tapete. Eine Frage darf doch nicht mal erlaubt sein: »Wo warst du? Ich habe auf allen Kanälen versucht, dich zu erreichen. Fünf Tage!« Oh, je, zu vorwurfsvoll! Mia, willst du hier Ansprüche geltend machen? Das ist doch so was von arm.

Morris schaut mich an: »Haben wir uns nicht gestern erst getroffen. In der Scheune?«

»Das war am Sonntag.« Morris scheint sein Zeitgefühl komplett verloren zu haben. »Nur mal so informationshalber: Was hast du seitdem gemacht?«

»Gepennt. Massenhaft Alpträume von diesem Typen. Er spricht immer mit mir, fragt mich, warum ich so gewesen bin. Ich will ihm antworten. Kann aber nicht sprechen. Mir fehlt die Zunge.«

»Was soll der Quatsch mit dem Puzzle und den Postkarten? Dafür scheinst du ja Zeit zu haben?«

»Puzzle? Postkarten? Was meinst du?«

Oh, dass scheint schwieriger zu sein als ich dachte. Ich öffne meine Handtasche und zeige Morris das Zeug. Er schaut sich alles sehr interessiert durch und guckt mich an: »Kann mich nicht erinnern, dir das geschickt zu haben.«

»Das ist jetzt ein Witz oder?«

»Ich wollte, es wäre so.«

»Was habe ich mit deiner Vergangenheit zu tun? Warum schickst du mir ein Foto von einem Betriebsausflug? Warum zum Schluss die Gesichter von dir und diesen Typen, deinem Mitarbeiter?«

»Ich habe keine Ahnung. Hast du eine Idee?«

Ich kann kaum atmen. Ich bin eigentlich schweinesauer auf ihn. Soll ich jetzt als Lösungsengel zur Erde schweben? Prophet Elia hat einen Burn-out: Herr ich kann nicht mehr, lass mich sterben.

Keine Chance: »Ich bin nicht die Lösung, verdammt. Ich merke nur, dass ich die letzten fünf Tage gedacht habe, dass dir etwas passiert ist!«

»Wenn es für mich gefühlt auch fünf Tage gewesen wären, hätte ich mich gemeldet. Die Alpträume machen mich fertig. Ich will das jetzt aufklären, öffentlich machen. Habe ich so seiner Frau vorhin auch gesagt.«

»Glaubt Sie dir?«

»Ist das noch wichtig? Ich war erstmal froh, dass sie überhaupt gekommen ist. Verstehst du: Das ist vor einem Jahr passiert. Sie muss mich unglaublich gehasst haben.«

Dieser Mann strahlt Hilfebedürftigkeit aus. Nach einem Seitenblick zu Yana (sie ist die ganze Zeit hinten am Tresen und schaut zu) entscheide ich, dieses Bedürfnis zu erfüllen. Das werde ich nur einmal tun, ich schwör’s dich, Bruder. Eine Info brauche ich aber noch: »Wieso bestellst du deine ehemalige Assistentin hierher und kommst dann nicht?«

»Richtig. Scheiße. Sie ist hier gewesen.«

»Weil du sie angerufen hast.«

»Klar, weil ich sie angerufen haben. Aber es ging nicht. Ich konnte nicht herkommen. Am Morgen war alles noch klar, ich wollte mir ihr reden. Dann habe ich wieder gepennt, bin einfach nicht aufgestanden.       Wollte es vergessen.«

»Was vergessen?«

»Diese beschissene Zeit. Mein altes Leben. Weg damit. Wieso weißt du überhaupt, wer das war?«

»Hab’ mir ihr gesprochen.«

Morris wird ganz ruhig: »Gut.«

»Wie jetzt: Gut? Das ist überhaupt nicht gut, dass du hier nicht aufgekreuzt bist. Mir die Sache überlässt. Ey Mann, das hier ist deine Scheiße, die du verbockt hast. Und zwar so was von verbockt.«

Morris sagt: Nix.

Nix. Nix. Nix.

Ich mache Yana ein paar Zeichen. Sie nickt, dreht sich wieder zu Claire.

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Außen. Strasse vor der Heimat. Nacht.

Yana kommt auch raus. »Würdest du mich mal onboarden: Wo ist denn jetzt dein Schätzchen?«

»Schätzchen ist da drin mit einer anderen!«

Yana wird schon wieder so blass wie neulich. Ich mache es wohl genauso, denn sie fragt: »Bist du okay?«

Okay ist gar kein Ausdruck. Alles schwankt. Die Erde bebt. Get lost, Morris. Aber: Wenn es seine Mutter ist? Eine gut aussehende Mutter von Anfang 30. Ein biologisches Wunder ist geschehen. Oder ist doch nicht seine Mutter? Ganz eng sitzen sie da zusammen, auf meiner Netzhaut ist das eingebrannt wie auf einem schlechten LCD-Bildschirm.

Ruhig, Mia, ganz ruhig. Auf der Netzhaut brennt sich nichts ein. Nicht jetzt.

»Hallo McFly, jemand zu Hause?«

Yana? Richtig, sie ist ja da. »Danke, dass du da bist.«

»Keine Uhrsache. Jetzt knallst du durch oder? Du suchst den Kerl eine Woche und jetzt taucht er hier mit einer anderen Braut auf. Ich mache mich doch gerne noch mal unbeliebt: Hau’ ihm eine rein. Goodbye Blödmann. Und jetzt kannst du wieder sauer auf mich sein.«

»Ich fühle mich außerstande, im Moment sauer auf dich zu sein.«

»Umso besser. Gehen wir wieder rein?«

»Ich muss schnell noch kotzen.«

»Hier wird nicht gereihert, Herzchen. Nicht wegen Typen, die mit Tussen 2. Klasse aufkreuzen.«

Yana nimmt mich in Schutz, Grazie! Aber wie 2. Klasse sah diese Frau nicht aus. Eher wie 1. Liga. Und ich sitze hier draußen auf der Ersatzbank, weil Coach Morris einen neuen Liebling hat, der von Anfang an mitspielen darf. Soll ich warten, bis er auswechselt? Der Typ mit der Digital-Tafel anzeigt: Raus geht Nummer Sex, rein kommt die Null?

Yana erkennt mein Zögern, leidgeprüft und geschult aus langen Dancefloor-Nächten: »Lauf dich warm, gleich bist zu dran.«

Aha verstehe. Yana ist der Coach, nicht Morris. Der peilt wahrscheinlich gar nichts. Neue Braut, neues Glück. Wie stand es doch so schön auf seiner Karte: Ich habe mit mir selbst genug zu tun. Dann assistiert die Dame wohl nur beim Selbermachen? Oder wie darf ich das verstehen? Doch wohl nur so.

Yanas Arm kommt geflogen: »Mia, du zitterst. Das macht keinen guten Eindruck.«

»Bei wem soll das keinen guten Eindruck machen?«

»Bei deinem Maurice-Morris, wenn du schon fragst. Er sollte jetzt schon kapieren, dass er so billig nicht wegkommt.«

»Wie teuer soll es denn sein?«

»Sehr teuer. Komm mit. The bill please!«

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Weiter Freitag. Innen. Heimat. Abend.

Mia schreibt: Freitag ist Heimatabend auf der Couch. In der Heimat. Bloß ohne Couch. Carl hat den darf-es-etwas-mehr-sein-Blick von der Fleischfachverkäuferin an die Theke imitiert. Ich nicke ihm zu: »Irgendwas Auffälliges?«

»Nein, Mister Bond. Nur die üblichen Verdächtigen.«

»Ich bin gerührt.«

»Magst du 007? Ich meine, so im Allgemeinen?«

»Not at all. Und ich mag es im Besonderen nicht, wenn jemand sagt: Nur die früher Bondfilme, die mit Sean Connery.«

Carl ist erschüttert: »Oh. Dann gewöhne ich mir das dringend ab.«

»Ich bin geschüttelt vor Freude.«

Klack. Tür auf. Es breitet sich eine Elektrizität aus, die mir bekannt vorkommt: »Hallo Schätzchen.«

Yana ist wie immer für eine Überraschung gut: »Wollte mal Guten Tag sagen und dein neues Wohnzimmer bestaunen.«

Wenn du jetzt glaubst, dass ich überrascht bin, dann liegst du genau richtig. Aber das lasse ich mir mal gar nicht anmerken: »Du weißt, dass ich immer noch sauer bin?«

»Dein Gesicht gibt mir die untrügliche Botschaft. Um was ging es noch gleich?«

»So schnell kommst du mir da nicht raus.«

Yana faltet die Hände, verbeugt sich mehrmals: »Verzeih mir, Liebling. Verzeih mir für alles, was ich dir angetan habe.«

»Knie dich hin!«

Carl beobachtet uns mit regem Interesse. Wahrscheinlich denkt er, dass sich Yana tatsächlich hinknien wird. Da kennt er aber meine Freundin Yana ganz schlecht. Richtig, er kann sie ja auch noch nicht kennen. Sie ist ja erst seit zwei Minuten hier.

Mademoiselle electrique zieht einen High Heel aus. Reicht ihn zu Carl. »Bitte ein Glas Champagner. Meine Freundin und ich müssen uns dringend vertragen.«

Carl ist blendender Laune: »Darf ich dafür zwei Champagner-Schalen vorschlagen. Die Perle bleibt in Schalen länger frisch.«

»Überredet!«

Yana hebt das Glas, schaut mich an: »Prost, Darling. Bitte sei wieder lieb.«

»Nur, wenn du mir verrätst, wie du hierher gefunden hast.«

»Mit meiner Nase. Genannt GPS-Locator. Hast du doch extra für mich aktiviert. Freundinnen sollten immer wissen, wo sich die Andere gerade befindet!«

Ich sollte Pascals Rat folgen und das Smartphone-Ding zertrampeln. Wer weiß denn noch alles, wo ich mich gerade befinde? Ich nicke Yana zu: »Gut, einverstanden. Peace.«

»So ist’s recht, Teuerste. Das ist also der Ort, an dem du lieber allein bist. Ohne mich.«

»Hat sich so ergeben im Laufe der Zeit.«

»Lieblingsorte verrät man eben nicht so schnell. Wer Favorite Places ausplaudert, ist sowieso nur ein Grußaugust.«

Ich schüttle den Kopf: »Nicht deshalb. Ich brauchte einfach mal Zeit für mich. Andere Leute. Andere Drinks.«

»Andere Freundinnen. Andere Themen.«

»Richtig. Gut, dass du mich daran erinnerst.«

»Aber immer. Immer gerne. Gerne wieder.«

»Bist Du etwa beleidigt?«

»Ein bisschen. Ich kenne bis heute deine neuen Freunde nur vom Erzählen. Noch nicht mal mehr das: Wir haben die unglaubliche Zahl von vier Tagen nicht kontaktet. War aber nicht so schlimm, ich hatte guten Sex.«

»Du hattest Sex? Sag bloß.«

»Sag ich dir gerne.«

»War ironisch.«

»Du siehst: Eine kurze Abstinenz von dir und schon verstehe ich deine Ironie nicht mehr.«

»Du verstehst das nie.«

»Ah, deshalb der Name: Iro-nie.«

Da lacht sogar Carl. Hat die Schampusflasche in der Hand: »Gläschen aufs Haus?«

Yana kriegt von mir eine Erklärung: »Carl war der Erste, den ich hier kennen gelernt habe. Er hat mein Nachtleben gerettet.«

Yana schaltet auf höchste Aufmerksamkeitsstufe: »Und wie, bitte schön, geht das hier vonstatten. Nacht sehe ich ja, aber Leben?«

Carl macht mit. »Leben findet im Separée statt. Ich zeige Ihnen gerne ein freies Plätzchen.«

»Vom Styling her würde ich sagen: Sie haben dort Plüschtelefone.«

»Sehr wohl. Plüschtelefone sind gewünscht. Mit wem darf ich sie als Erstes verbinden?«

Yana macht sich locker. Scheint ihr zu gefallen, der Carl: »Ich heiße Yana.«

»Carl, mit C. Wenn ich deiner Freundin im Merktraining folge, würde ich anbieten: Mein Gesicht und dazu die Vorstellung, ich würde das hohe C trällern.«

Yana ist ganz aus dem Häuschen: »Sie hat dich also auch versaut mit dem Mnemo-Scheiß?«

»Ganz und gar nicht. Seitdem merke ich mir jeden Namen. Sogar wenn Call-Center anrufen. Ich bin dann immer sehr höflich, lehne ab und sage zum Schluss: Dann noch einen schönen Tag, Herr Lehmann.«

Literatur-Yana wird hellhörig: »Hieß der wirklich Herr Lehmann?«

»Nein. Ist mir gerade so eingefallen. Ist das nicht so ein Roman-Name?«

»Ich verstehe dann schon ab und zu mal Ironie, Sven-Carl. Ich bin nämlich literarisch gebildet.«

Für die Ungebildeten: »Herr Lehmann« bei Google eingeben.

»Dann entschuldigen Sie die Störung. Verzeihung, dann entschuldige du die Störung. Ich gehe mal wieder in meine Schicht.«

Yana und ich stehen erstmal so rum. Gucken uns an. Lachen. Umarmen uns: »Ach, tut gut. Hatte schon ganz vergessen, wie gut das tut.«

»Kannste jeden Tag haben, Schmoll-Mia.«

»Kannste drauf wetten, Dissen-Yana.«

Gerade wollen wir uns so richtig warmlaufen, da schrillt die Sirene. Möp. Möp. Möööööp.

Dort ist Morris! Puh, ich brech’ ab. Was ist das denn? Raus. Erstmal raus.

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Freitag. Innen. Mias Bett. Tag.

Mia schreibt: Es gibt keinen Zusammenhalt mehr in meiner Generation. Ich muss mich dauernd durchsetzen. Wenn ich das nicht tue, werde ich ausgeschlossen. Dann bin ich allein. Ich werde nicht so angenommen, wie ich bin. Das reicht nicht. Facebook-Freunde müssen zeigen, was sie drauf haben. Always on, always cool: »Hast du schon gehört? Könnte mir nie passieren. Hat es einfach nicht drauf, der Typ.«

Wenn ich bei mir bin, so wie Emil es ist, könnte sich das ändern? Es ist immer hell, es gibt immer einen Funken, der mein Leben erhellt und mich hoffen lässt? Das Aufgehobensein in der familie. So sein, wie ich bin und damit zu etwas höherem Ganzen beitragen? Was muss ich denn aufgeben, um ins neue Leben zu treten?

Nur, Mia, wenn du das so schreibst: Was bedeutet das denn für diesen unmittelbaren Augenblick, der gerade vorbei zieht? Und noch ein Augenblick. Wutsch. Und noch einer. Ich will ihn greifen, festhalten. Wutsch. Wieder weg. Dann geh’ doch, ich halte dich nicht mehr auf. Hau ab. Auge um Auge, Blick um Blick. Steht schon so in der Bibel. Mia, träum’ weiter.

Pascal postet mir aufs Handy. Besser gesagt, er lässt mein Handy erstmal spektakulär abstürzen, um mir dann lapidar mitzuteilen: Wir haben die vollständige Kontrolle über ihre Person übernommen.

Witzig. Witzig. Was haben wir gelacht.

Dann aber doch seriös: »Mia, schau mal ins Forum. Das tummeln sich inzwischen eine Menge von deinen Kollegen mit lustigen Namen: Pfeiffenbläser, Born-In&Out, Reinheitsgebot. Seit neuestem gibt es eine MIA. Bist du das? Und wenn ja: Welcher Idiot hat dir geraten, dich unter deinem richtigen Namen anzumelden? Nickname, Mia. Was sich liebt, das nickt sich. Wenn nein: Willst du dich nicht mal beteiligen und Feuer unterm Kessel machen? CY |>P<|.«

Wer postet da unter meinen Namen? Un-ver-schämt-heit. Das dass mal klar ist: Es gibt nur eine MIA. That’s me, for sure.

Dazwischen findet sich aber auch eine interessante Mail: Mein Unternehmen schreibt mir. Die Bestätigung meiner Kündigung?

Mitnichten, man bittet mich um ein Gespräch! Man ist nicht mein Chef, nicht HR, sondern Assistenz Vorstand. Ob ich nächste Woche Mittwoch um 11 Uhr Zeit hätte?

Ich sollte Pascal bitten, die Echtheit dieser Mail zu checken. Ich habe da so meine Zweifel. Was wollen die? Mich verhören?

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Weiter Donnerstag. Innen. Mias Küche. Nacht.

Mia schreibt: Ich drücke die zwei Puzzleteile in die offenen Löcher. Das Bild zeigt jetzt eine vollständige Gruppe. Eine lustige Abteilung macht einen lustigen Betriebsausflug. Vorletztes Teil ist das Gesicht von Morris, letztes Teil ist das Gesicht eines Mannes. Nicht schwer zu erraten, wer das ist. Mister Suicide, wetten?

Auf der beiliegende Postkarte Aus dem schönen Altmühltal steht nur ein Satz: »Ich bin nicht der Richtige für dich, Mia, ich habe mit mir selbst genug zu tun.«

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Weiter Donnerstag. Innen. Heimat. Nacht.

Mia schreibt: Die Füße tragen mich automatisch dort hin. So leer war es hier noch nie. Man kann froh sein, dass überhaupt Carl hier steht. »Wo sind denn alle?«

»Da bin ich überfragt. Wie du dich vielleicht erinnern kannst, brauchen wir uns am Eingang nicht mit Chipkarte einzuloggen.«

»Bist du schlecht gelaunt?«

Oops, falsche Frage. Die Antwort kommt in Form seines Gesichtsausdruckes. Carl scheint tatsächlich so etwas wie schlechte Laune zu haben.

Emil kommt zur Tür rein, registriert mich, nickt mir zu. Bestellt ein kleines Bier. Bekommt es. Trinkt nicht. Schaut nur drauf.

Ich gehe in die Vollen: »Darf ich dir ein Gespräch aufzwingen?«

»Aber immer. Was macht der Job? Oh, Entschuldigung. Der ist ja flöten gegangen. Also: Was macht die Freiheit?«

»Lerne ich, umzugehen. Ist gar nicht so einfach.«

»Du warst gut gestern bei deinem Vortrag. Ich würde dich sofort als Duplikat der Freiheitsstatue hier in der Heimat vorschlagen.«

»Das ist lieb. Ich fühle mich aber nicht besonders frei.«

»Besondere Vorkommnisse?«

»Ich hatte ein tiefes, ein umwerfendes Gespräch mit Morris. Kurz danach ist er abgetaucht.«

»Kommt schon mal vor.«

»Ich weiß, dass das schon mal vorkommt. Aber vielleicht gerade nicht jetzt.«

»Kann man sich bei Morris nicht aussuchen.«

»Ich habe seit Anfang der Woche überall gesucht. Weißt du, wo er wohnt? Weißt du, wie ich ihn erreichen kann?«

»Du weißt wahrscheinlich, dass das hier keiner weiß?«

»Ich brauche ihn aber. Gerade jetzt brauche ich ihn.«

»Und für was brauchst du ihn?«

»Zum Anlehnen. Oder vielleicht, um ihn zu helfen.«

»Morris ist nicht zu helfen.«

»Das ist mir klar.«

»Ist es dir nicht.«

»Ist es mir nicht, stimmt.«

Emil ist ein guter Gesprächspartner. Geduldig bringt er mich zu Weißglut. Spricht mit mir, bringt mich an meine geistigen Grenzen. Ich werde jetzt aber nicht sauer. Den Gefallen tue ich ihm nicht.

Emil ermuntert mich: »Darf ich bei dir mitdenken?«

»Ich denke gerade: Ich tue dir nicht den Gefallen, jetzt sauer zu werden.«

»Das freut mich.«

»Das freut dich?«

»Wir sind hier nicht in der Heimat, um uns Gefallen zu tun.«

Darf ich Emil eine reinhauen? DAS würde mir jetzt helfen in meiner Hilflosigkeit.

In dieses freundliche Gesicht kann man nicht reinhauen.

Emil atmet tief ein: »Es hört sich vielleicht blöd an. Aber von 30 Jahren, als ich so alt wie du war, war mein Leben fast vorbei.«

»Du warst krank?«

»Keine Ahnung. Zumindest damals nicht. Es gab eigentlich nichts, was für mich Sinn ergeben hat. Der Job ging seinen Gang, abends saß ich oft im Hotel und verging vor Sehnsucht.«

»Nach wem?«

»Nach meiner Frau, nach meinem Kind. Vielleicht auch nur die Sehnsucht nach einem anderen Leben.«

»Da geht es mir gerade nicht anders. Was hast du gemacht?«

»Nix habe ich gemacht. Bin ganz tief runter, war gefühlt noch fünfhundert Mal abends allein im Hotel. Saß da am liebsten im Dunklen, dann konnte ich im Spiegel nicht sehen, wie mir die Tränen runter liefen.«

»Wann hat es aufgehört?«

»Ich hatte mir gedacht: Forsch’ mal nach. Was ist mit mir? Habe mich an der Volkshochschule für einen ‘Selbsterfahrungs-Kurs’ eingeschrieben. Der Dozent war verhindert, es kam ein anderer. Und der hat gleich mit uns Rebirthing gemacht.«

»Was ist das?«

»Du atmest ohne Pause ein und aus. Erlebst deine Geburt noch mal. Wenn du es willst. Ich war ziemlich panisch beim Atmen. Ein Wunder, dass ich überhaupt geboren bin.«

»Und dann?«

»Wurde es besser. Meine Geburt in diesem Kurs war ja schwierig gewesen. Ich hatte es geschafft. Das was doch eine Leistung. Ich sollte was draus machen.«

»Hast du gemacht?«

»Habe ich gemacht. Mehr Kurse, mehr Seminare. Neben der Außenwelt meine Innenwelt. Viel größer. Gigantisch groß. Unmöglich, überhaupt alle Wege zu erforschen.«

Emil schaut mich an. So in seiner natürlichen Weisheit. Er macht mir Mut, irgendwie macht mir dieser väterliche Typ ein bisschen Mut. »Soll ich mich auch bei der Volkshochschule anmelden, in der Hoffnung, meine Geburt zu erleben?«

Emil lacht laut los: »Ja unbedingt. Schon morgen kann sich dein Leben verändern. Ich finde, du machst deine Sache schon gut. Auch ohne Wiedergeburt.«

Am Tresen überreicht mir Carl mit hochoffizieller Mine einen Briefumschlag mit geschwungenen M, den ich gleich aufreiße. Zwei Puzzleteile fallen heraus. Die beiden fehlenden Teile!

»Wann war Morris hier?«

Carl schaut mir direkt in die Augen: »Keine Ahnung. Der Brief lag bereits hier, als ich die Tür aufmachte.«

»Wäre doch schön gewesen, wenn du ihn mir gleich gegeben hättest.«

»Du warst so ins Gespräch vertieft.«

Ich habe einfach keine neuronalen Kapazitäten mehr, um darauf zu antworten. Gerne würde ich die Tür knallen, hat aber leider einen beschissenen Türschließer. Sanft gleitet sie ins Schloss, während ich schon hundert Meter weg auf dem Nachhauseweg bin.

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Donnerstag. Innen. Mias Küche. Später: Kino. Tag.

Mia schreibt: Um fünf Uhr morgens kommen nur Porno-Spams aus usa oder ganz wichtige Botschaften: Die Whistleblower aus meinem alten Unternehmen haben ein Forum gegründet! Sammeln all das, was ihnen so in den letzten Jahren »aufgefallen« ist. Pascal hat mir das gesteckt: Whistleblower setzen sich dafür ein, dass in ihrem Unternehmen Dinge aufgeklärt werden, die der Firma langfristig Schaden zufügen. Die blasen auf Ihrer Pfeife, schlagen Alarm, weil es ihnen wirklich darum geht, was ins Positive zu verändern!

Klick, klick, klick: Das ist hier aber mal eine nette Zusammenstellung: Der CEO hat an das Meeting ein Golfwochenende drangehängt und selbstverständlich abgerechnet. Dann sind Sekretärinnen hier im Forum! Das bedeutet Ärger für meine Ex-Firma. Viel Ärger. Sekretärinnen, pardon, Assistentinnen wissen alles. Sie halten nur dicht, weil sie so treu sind wie Schwäne. Jetzt packen sie aus. Der Frust muss anscheinend irgendwann raus: Firmenwagen für Urlaubsfahrten, die private Geburtstagsfeier hat plötzlich in der Abteilung stattgefunden. Oops, es gibt Präsente von Lieferanten, die in Aktentaschen verschwunden sind.

Warum gibt es das hier auf ein Mal? Braucht es nur einen Auslöser. Einen Ausraster von Mia-Baby in der Kantine?

Die Jungs und Mädels haben Humor. Im Menü Sprüche für jeden Tag findet sich auch mein Chef: Neue Besen kehren gut. Ist da meine Nachfolgerin gemeint? Dann pass’ mal gut auf, in welcher Ecke du saubermachen musst! Kurz zucke ich mit den Fingern, meine Anekdoten zu ergänzen. Aber wofür?

Auch Morris’ Firma ist das drin. Zu ihm keine Einträge. Wiese kennt keiner die wahre Geschichte? Wieso ist nicht aufgefallen, dass dieser Mitarbeiter nicht wieder gekommen ist? So was steht doch in der Zeitung. Die Nachbarn hören das Gras wachsen. Ein Mensch kann doch nicht so einfach verschwinden?

Morris ist vielleicht der typische Arsch von Chef. Wird entlassen und abgefunden. Klar, da hinterfragt keiner die Gründe, da sind alle froh, wenn er weg ist.

Ich halte es kaum aus. Ich verliere ihn, ich spüre das deutlich. Es ist so intensiv, wie ein einziger und langer Elektroschock. Der ewig anhält.

Wie heißt es doch so klug: Nichts ist unerträglicher als eine Reihe guter Tage. Gerade jetzt hätte ich gerne eine Reihe guter Tage. Ich muss aber nur weinen.

Also Mia, auf ins Kino. Heul dich aus. Vergiss Morris. Verdrängt Morris. Er kann auf sich aufpassen. Es geht ihm bestimmt gut.

Wenn ich hier so von der Leinwand sitze, bin ich ganz bei mir. Ich kenne in jedem Kino der Stadt meinen Lieblingsplatz. Nachmittags ist hier alles frei. Schön weit vorne, weit weg von den Quatschern, die glauben, sie säßen zuhause auf dem Sofa. Ich kuschele mich auf meinem Kinosessel ein. Es wird dunkel. Ganz dunkel. Und dann geht es los.

Ich trinke Bier aus der Flasche. Können 90 % der Mädels übrigens nicht. Die haben den Dreh nicht raus, wie man Luft in die Flasche lässt. Verschlucken sich.

Dreimal wird es dunkel. Drei Filme! Dreimal halte ich das durch. Dann ist es genug. Einmal lese ich im Abspann schon Morris. Einmal sehe ich sein Gesicht bei einer Straßenszene. Einmal höre ich im Dialog einen Satz, den er exakt so schon mal zu mir gesagt hat.

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Weiter Mittwoch. Innen. Heimat. Früher Abend.

Mia schreibt: Alle sind selbstverständlich schon da: Carl, Luzie, Ruben, Tomàs, Pascal, Emil, Elli, Claire. Liegt Morris hinten auf der Bank? Da hätte ich einige Fragen. Liegt keiner.

Keine anderen Gäste. Ist ja auch zu früh. Carl gibt mir die Hand! »Setz’ dich doch.«

Ich setz’ mich doch.

Carl macht den Anfang: »Es kam etwas früher als gedacht, aber du hast gestern dein erstes Gespräch geführt.« Die Runde klopft auf den Tisch!

Carl weiter: »Das freut uns sehr. Denn wir haben damit eine neue Mitstreiterin.« Klopfen.

Carl nochmals:  »Dies sollten wir natürlich feiern!«

Wie jetzt? Ich bin aufgenommen? Es wird gefeiert? Ruben meldet sich: »Äh, Carl?«

»Ja, Ruben. Irgendwelche Fragen?«

»Fehlt das nicht was?«

»Ach soooo. Richtig. Das Aufnahme-Ritual«

Klar, ihr kriegt mich dran. Ich muss mich anstrengen, barfuss über Kohlen laufen, Tschaka schreien, abends die Brandblasen verbinden lassen.

Carl schaut mich streng an: »Es gibt ein Aufnahme-Ritual. Hätte ich fast vergessen. Du hältst einen Vortrag.«

Die ersten biegen sich schon vor Lachen. Mehr so im Hintergrund.

Ruben ergänzt: »Wenn du so willst, einen Steggreifvortrag. Bekannt?«

Ich kontere: »Bekannt aus der TV-Werbung!«

Mehr Lacher.

Carl präzisiert: »Wir geben das Thema vor, du redest!«

Ich pariere: »Verstanden!«

Wieder Ruben. »Halt, Carl, es gibt noch einen Schwierigkeitsgrad.«

»Richtig, wo habe ich meinen Kopf. Wir rufen zwischendurch Worte, die du sofort einbauen musst.«

Okay, Ihr Süßen, ich steige ein. Mache noch einen Vorschlag: »Könnten wir nicht Powerpoint-Karaoke spielen?«

»Zu leicht für dich!« Das ist Tomàs.

»Die Regeln sind also klar? Hier kommt dein Thema: Die moderne Quoten-Frau in der DAX-Führungsetage. Drei, zwei, eins. Go!«

Ich lasse mich nicht lange bitten: »Es ist früher Morgen. Frau Dachs kommt aus ihrem Bau. Ein jungfräulicher Tag. Die kleinen Dachskinder bekommen Frühstück, dann geht es mit dem neuen Mercedes-Offroader BlueEffinciency in den Kindergarten. Weiter Richtung zum Konzern-Tower, via Sprachsteuerung schon die E-Mails checken …«

»Soft skills!« Emils Vorschlag.

»…. Big Boss ist am Apparat. Killing me softly with his song. Der neue Klingelton. Meine Damen, vor allem meine Damen, und meine Herren. Wie Sie sehen: Die moderne Frau hat viele Rollen, elegant switcht sie zwischen Ehefrau, Mutter und Karriere. Schon nach wenigen Jahren, mit ein bisschen Hilfe der Politik, ist es uns gelungen, die Frauenquote im Vorstand auf sen-sa-tio-nelle 6,3 Prozent zu heben. Unser HERO, Verzeihung, ich meine natürlich CEO könnte bald eine Frau sein …«

»High Potentials!« Tomàs am Drücker.

» … Potenz und Potential gehören nicht mehr zum männlichen Geschlecht. Die Frauen haben mächtig aufgeholt, nein, was sage ich, sie sind vorbeigezogen an den Testosteron-Dinosauriern« (ich mache Luft-Anführungszeichen bei den Dinos. Ich liebe Luft-Anführungszeichen. Weil sie so schön bescheuert sind). »Die Frauen sind high, ganz oben angekommen …«

»Kooperative Führungsstrukturen!« Rubens Idee.

»… Die Familie ist das neue Sinnbild für Cooperation. Die Frau als Mutter, das Matriarchat als Baukasten hocheffizienter Führungsstrukturen. Der Konzern nährt sich an der Mutterbrust, Milch und Honig fließen und ergießen sich in das Schlaraffenland der Dividenden …«

»Wachsende Komplexität!« Carl lacht.

»… Das Mutter-Multitasking hat ausgedient. Frauen haben ihre Komplexe abgelegt, wachsen an ihren Herausforderungen ….«

Zwischenapplaus von Luzie.

» … Nichts kann sie mehr aufhalten. Sie sind frei, endlich frei …«

»Intuition, Bauchgefühl!« Steilvorlage von Elli

» … Führung ist da angekommen, wo sie hingehört: in den Bauch. Denn mein Bauch gehört mir, dass sagt mir meine Intuition, meine Damen. Und Ihnen, meine Herren, schreibe ich ins Stammbuch: Werden Sie locker …«

»Coaching!« Ruben natürlich

» … werden Sie locker, machen Sie sich locker. Buchen Sie ein Coaching-Stündchen, fahren Sie mal raus, lassen Sie fünfe gerade sein. Frau hat es im Griff. Frau ist da. Schieben Sie Ihr Cabriodach auf, endlich haben Sie Zeit dafür. Lassen Sie sich die Sonne auf den Haarkranz scheinen. Denn Frau steuert im Hintergrund die Geschäfte und das nicht mal schlecht …«

»Sparringspartner!« Noch mal Ruben.

» … Männer, steigt in den Ring und haut drauf. Ganz ohne Hemmungen. Der Sparringspartner ist eure Geilheit. Geil nach Macht. Voll auf die Nüsse. Nie mehr müsst ihr leiden, jetzt darf alles raus …«

»Beziehungsmanagement!« Claire!

» … Denn die Frauen in der Chefetage machen das, was Sie immer schon am besten konnten: Denken! Entscheiden! Handeln! Elementarste Voraussetzungen im Management, überlebenswichtig in der Beziehung am Arbeitsplatz …«

»Sex!«

»Dinge zu Ende denken!«

»Gesunder Menschenverstand!« Ein Dreier von Tomàs.

»… Plug & Play, lassen Sie mich zum Schluss kommen (Klammer auf: Das zum Thema Sex Klammer zu). Ich rufe Ihnen zu: Denken Sie die Dinge zu Ende und schalten Sie mal ab. Die beste Burn-out-Prophylaxe ist abschalten. Das Abschalten Ihres gesunden Menschenverstandes. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.«

Donnernder Applaus von allen Seiten. Ich hab’ richtig Bock gehabt, die Sau raus zu lassen. War wohl Sinn der Übung. Von wegen Aufnahmeritual! Ich schaue in lachende Gesichter. Have fun, klar.

Carl ergreift das Wort: »Dieser Applaus lässt nur einen Schluss zu: Mia Schütz, willkommen im Club!«

Dieser Tag sollte nicht aufhören. Wir feiern. Lang und schmutzig. Zwischendurch denke ich: Ich bin eine so was von einer geilen Braut. Auch das wohl Sinn der Übung. Demut kommt morgen, heute bin ich King. Ich kann sie alle haben. Zumindest die Anwesenden.

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Mittwoch. Innen. Mias Schlafzimmer. Früh am Tag.

Mia schreibt: Wo ist Sam, verflucht? Er liegt morgens immer an meinen Füssen. Außer bei Herrenbesuch, da ist er eifersüchtig und verkümmelt sich. Ich schaue auf die andere Bettseite: kein Herrenbesuch! Da ist niemand, nicht an der Seite, nicht an den Füssen. Muss ich jetzt aufstehen? Natürlich schlafe ich nicht in meinem Bett, aber ich liege einfach so gerne drin. Delfinschlafen hin oder her, Bettliegen muss sein. Aufstehen nicht. Besser weiter ausmüden. Nicht weil ich müde bin, sondern mich so gerne an früher erinnere.

Ich mach’ einfach mal so, als ob ich die ganze Nacht geschlafen hätte. Dieses herrliche Schlafen an einem Stück, sieben, acht, neun Stunden. Ich habe jetzt also die Augen zu. So ganz langsam kommt der Tag in meinen Kopf. Stopp. Langsam. Da sind doch noch die Traumfetzen. Morris ist da noch. Ich sehe nur sein Gesicht. Er ist müde, aber er lacht. Nein, er lächelt. Mich an. Jetzt verschwindet er. Der Traum verschwindet. Noch ein bisschen! Weg ist er. Jetzt langsam wie früher die Augen aufmachen. Die Zimmerdecke spüren. Über die Wand zum Fenster mäandern. Durch meine feinen Gardinen blinzelt das Licht. Zur Seite drehen. Mein Nachthemd auf der Haut spüren. Es ist ein wenig verrutscht. Ich rücke es zurecht. Die Bettdecke in Zeitlupe zur Seite schieben. Ein Fuß zu Boden, noch ein Fuß. Atmen. Atmen. Atmen. Das Leben spüren, das durch den Boden über die Füße in meinen Körper strömt. Aufstehen. Zum Fenster gehen. Gardine zur Seite. Nebel.

Ich brauche heute echt keinen Nebel. Ich brauche meinen Kater, der mir um die Beine streicht. Ich brauche Sonne, die mein Zimmer flutet. Ich will die Fensterflügel öffnen, die warme Luft soll reinströmen. Ich will Kinderlachen hören.

Ich höre einen Lkw. Es ist arschkalt. Wieso ist es arschkalt? Es ist doch Klimawandel? Wann wird es endlich so warm, wie es alle versprochen haben?

Wo ist der Kater? Sam, Sam, komm’ her.

Nichts. Nothing. Niente.

Wie wäre es denn mal mit einem positiven Geräusch? Wie dem Blinken des Anrufbeantworters zum Beispiel? Ist doch kein Geräusch, Mia, aber es wäre wenigstens so etwas wie ein Geräusch.

Ich will jetzt die Sonne sehen. Die sich durch den Nebel arbeitet. Ihn wegsaugt. Sich durchsetzt. Strahlt. Wo ist die verdammte Sonne? Mia, musst du hier so rumschnecken?

Nicht ins Bad. Bloß nicht ins Bad. Da ist der einzige Spiegel in der Wohnung. Ich verkrafte mich im Moment nicht.

Also Küche. Also Espressomaschine. Also hinsetzen. Die schöne, warme Tasse umklammern. Die Tasse wieder loslassen. Ich muss so heulen, dass ich anfange, zu zittern. Bitte, bitte, kommt doch wieder alle zu mir. Ich bin alleine, ich kann das jetzt nicht. Ich brauche euch, ich brauche dich. Ich schaffe das nicht alleine.

Ich sacke weg, wow, ich knalle voll weg. Viel länger als sonst.

Ich wache wieder auf. Ich liege auf dem Küchenboden. Alles voller Kaffee. Es ist eine Sauerei. Das beruhigt mich sehr. Ich bin noch so etwas wie da.

Meine Angst, allein zu sein, ist komischerweise nicht so groß wie früher. Irgendwie existiere ich hier mit mir, ohne das ein Anderer dabei sein muss. Wie geht es weiter mit mir? Was kann ich überhaupt? Habe ich was für die Welt zu geben? Und wenn ja, wie entscheide ich mich dann? Ich muss mich doch endlich entscheiden, nur wie entscheide ich mich? In meinem ganzen bisherigen Leben habe ich brav geplant, mich selbstverständlich richtig entschieden. Alles gemacht, was von mir verlangt wurde. Alles reflektiert. Und wieder entschieden. Und wieder. Und wieder. Mit welchem Ergebnis? Mit einem Scheiß als Ergebnis!

Dieses Verliebtsein von früher ist ganz weg. Die Teenie-Mia, die für die Kerle schwärmt. Weg. Etwas Neues ist da. Es hat so was wie Einzelteile einer Verliebtheit, das Ganze fühlt sich aber voller, reifer an. Die Sehnsucht ist da, ist aber älter und wahrhaftiger, schöner.

Jetzt höre ich schon Melodien im Kopf. Der Delfin in mir übernimmt langsam aber sicher das Kommando. Ich höre es deutlich: You can ring my be-e-ell, ring my bell.

Scheiße, ist nicht in meinem Kopf, ist mein neuer Klingelton! Anita Ward! The night is young and full of possibilities. Well come on and let yourself be free. Hat mir Carl rübergebeamt in seiner Geburtstagsnacht.

Unbekannter Anrufer. Da gehen eigentlich nur noch Idioten dran. Es klingelt noch. Du kannst jederzeit an meiner Tür klingeln. Dann mach’ ich doch mal auf: »Hallo?«

Die tiefe Stimme am anderen Ende könnte nicht besser zum Klingelton passen. Carl! »Guten Morgen Mia. Gut geschlafen?«

»Guten Morgen Carl. Ist das jetzt ein Witz oder so?«

»Sorry, reine Gewohnheit. Ich spreche sonst nicht mit Menschen, die wie Delfinen schlafen.«

»Lass uns für das nächste Mal eine andere Smalltalk-Einleitung überlegen. Du hast mich noch nie angerufen. What’s up?«

»Könntest du heute in die Heimat kommen? Wir würden gerne etwas mit dir besprechen.«

»Wir?«

»Die familie, you know.«

»Was verschafft mir die Ehre?«

»18 Uhr?«

»Jepp.« Da bleiben mir ja noch locker sechs Stunden fürs Schminken. Was ziehe ich an? Was esse ich vorher? Hallo, ist das hier so was wie ein Bewerbungsgespräch? Ich kenne doch genau diese Art von Vorfreude: Je näher der Termin, je größer der Brechreiz. Vielleicht sollte ich gleich mal kotzen gehen, dann was essen?

Nix da, my super friends. Ich komme als Mia, nicht als geleckte Karrierebraut. Für morgens schon schön doppeldeutig. Yana würde drauf abfahren: eine geleckte Karrierebraut.

Komme ich genau 18 Uhr? 18.05? 10 Minuten vorher? Ich entscheide mich, keine Uhr zu tragen und einfach hinzugehen. Boah, ist das locker. Ist das cool. Noch ein Mittagschläfchen, Flipper? Sogar das chen darf wieder mal sein! Wieso produziert EIN Anruf bei mir so viel Adrenalin? Ich bin ein Phone-Junkie, ich brauch’ den Kick, gebraucht zu werden. Vor knapp einer Woche die Kündigung hingepfeffert, pardon: hinfliegen lassen, und schon wieder auf den Business-Strich? Nur eben in einer anderen Straße?

Was wollen die mit mir bereden? Warum fühle ich mich so unsicher? Was habe ich gestern im Gespräch falsch gemacht? Genau, Mia, mach’ dich richtig fertig. Gib’s dir richtig, dann brauchen die anderen nicht mehr tätig zu werden.

Das ist die alte Welt. Mia-Schätzchen macht sich Sorgen, was sie falsch gemacht hat. Dabei will sie doch immer alles richtig machen. Geliebt werden fürs Richtigmachen. Scheiße, scheiße, shit.

Calm down: Die familie ist nicht dein Chef. Gestern warst du absolut freiwillig tätig. Keiner hat dir gesagt, was du zu tun hast! Ich habe etwas Sinnvolles getan, diese Frau hat sich bedankt. Ich habe ihr helfen können. Leckt mich doch alle am Arsch, ich mache genau das, was für mich richtig ist. Don’t stop me now. Freddy Mercury ist immer für irgendwas gut!

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Weiter Dienstag. Innen. Mias Treppenhaus. Abend.

Mia schreibt: Dieses eine Mal bin ich früh am Abend zuhause, obwohl ich schon in der Heimat war. Kaffeekränzchen haben so ihre Vorteile. Danke Omi, das konnte ich bei dir schon als Sechsjährige rauskriegen.

Im Briefkasten ist nix. Ich mache die Wohnungstür auf: Da hat doch einer eine Postkarte drunter durch geschoben! Aus Kassel! Wieder vergilbt, diesmal mit Straßenmotiven. Kassel – Moderne Stadt mitten in Deutschland.

Löst Morris seine Sammlung auf? Die Rückseite ist voll geschrieben. Dieselbe Sauklaue. Mia. Bitte entschuldige. Ich kann dir nur schreiben im Moment. Ist alles zuviel. Zuviel geht mir im Kopf rum. Hab’ die alte Geschichte außer dir noch keinem erzählt. Es musste raus. Melde mich bald. Muss erledigen. M.

Plus ein Puzzleteil: Ein Gesicht ist drauf. Kommt mir irgendwie bekannt vor. Ich drücke es an die richtige Stelle. Es ist Pascal. Arbeitskollege von Morris. Wie ich jetzt weiß. Ist er auch sein Freund?

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